Liebe Mitchristen,

das Evangelium des heutigen Sonntags (Joh 20,19-31) erzählt davon, dass die Jünger aus Furcht bei verschlossenen Türen beisammen waren.

Verschlossene Türen – das ist geradezu ein Sinnbild für die Zeit, die wir gerade erleben. Wir sollen Abstand halten, uns zurückziehen, zuhause bleiben, damit die Ansteckungsrate durch das Corona-Virus verringert wird. So werden die verschlossenen Türen zum Zeichen der Verantwortung füreinander.

Aber es ist eben auch die Angst da. Angst vor dem anderen Menschen, denn er könnte ja das Virus in sich tragen. So scheinen die Leute, denen man im Supermarkt oder auf der Straße begegnet, derzeit unsichtbare Mauern um sich zu tragen, auf denen aber deutlich erkennbar geschrieben steht: „Komm mir bloß nicht zu nahe!“

Im Evangelium überwindet einer die verschlossenen Türen. Es ist Jesus, der Auferstandene. Er kommt in die Mitte der Jünger und sagt zu ihnen: Friede sei mit euch! Doch nicht nur das: Er haucht sie an und spricht zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!

Er tut also das, was bei den derzeitigen Sicherheitsvorkehrungen und Hygienevorschriften der Supergau wäre: Er haucht sie an, er lässt sie seinen Atem spüren.

Doch ist es nicht gerade dieser Atem, welchen wir derzeit so schmerzlich vermissen? Der Atem, der nicht Gefahr in sich trägt; der Atem, der uns nicht krank machen kann, sondern der Atem, der uns lebendig macht, der uns wieder aufleben lässt, der alle Angst vertreibt, der Hoffnung und Zuversicht schenkt, der uns die Gewissheit gibt, dass wir in Gottes Frieden geborgen sind.

Es ist der Atem, den Gott uns schon zu Beginn unseres Lebens eingehaucht hat. Es ist sein Geist, dessen Kraft wir jetzt besonders brauchen. Er ist der Geist, der auch die Jünger nach der erlebten Krise wieder neu aufbrechen lassen wird und sie zu ungeahnten Taten treiben wird. Furchtlos werden sie viele Türen und Mauern überwinden und mit Freude und Begeisterung das Evangelium Jesu Christi verkünden - und zwar nachdem dieser Geist sie an Pfingsten wie Feuer und Sturmwind erfasst und verwandelt hat.

Aber noch war es nicht so weit – noch war es lediglich ein Hauch, den sie erfuhren. Aber ein Hauch, der sie zumindest in diesem Augenblick die Gegenwart des Auferstandenen und dessen Frieden deutlich spüren ließ. Und eine Erfahrung, die sie hoffen und beten ließ, dass Gott seinen Geist neu über sie ausgießen würde (vgl. Apg 1,13-14).

Schließen wir uns den Jüngern und der ganzen Urgemeinde an, liebe Mitchristen, und beten wir in diesen Tagen gemeinsam um Gottes Geist (z. B. mit den Worten der Pfingstsequenz GL 344). Denn wir werden diesen Geist dringend brauchen, um diese Krise durchzustehen, aber auch dann die veränderte Welt, unser eigenes und unser gemeinsames Leben wieder neu zu gestalten. Wir werden diesen Geist dringend brauchen, um es dann zu wagen, verschlossene Türen vorsichtig wieder zu öffnen und neu aufeinander zuzugehen ohne Angst. Nur so kommen wir wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört. Gott möchte sie uns schenken. Ostern gibt Zeugnis davon. Der Auferstandene ist an unserer Seite und sein Geist wird uns die Kraft dazu geben. Darauf dürfen wir vertrauen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute neue Woche.

Der Friede des Auferstandenen sei mit Ihnen.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr Pfarrer Thomas Müller

Schrifttexte des Sonntags: Apg 2,42-47; Ps 118,2.4.14-15.22-24.28; 1 Petr 1,3-9; Joh 20,19-31