Liebe Mitchristen,

einige Jünger sind von Jerusalem zurückgekehrt an den See Gennesaret. Davon werden wir im Evangelium dieses Sonntags hören (Joh 21,1-14). Sie tun das, was sie gemacht hatten, bevor sie Jesus aufgefordert hatte, ihm nachzufolgen: Sie gehen fischen.

Im Evangelium der Osternacht haben wir gehört, dass der Engel am Grab den Frauen den Auftrag gibt, sie sollten den Jüngern ausrichten: „Jesus geht euch voraus nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen“. (Mt 28,7). Hier sind sie nun, die Jünger – in Galiläa. Ob sie dem Auftrag des Engels gefolgt sind und nun darauf warten, Jesus zu sehen, oder ob sie einfach deshalb in ihr altes Leben als Fischer zurückgekehrt sind, weil sie nichts Besseres zu tun wussten, weil sie nichts mehr in Jerusalem hielt, nachdem Jesus gestorben war? Oder ob sie zurückgekehrt sind, um wieder auf andere Gedanken zu kommen, um nach all den aufwühlenden Ereignissen wieder ein Stück Normalität in ihrem Leben zu finden? Normalität, die auch helfen könnte, ihre Trauer zu überwinden in der Hoffnung, dass die Zeit Wunden heilt.

Zur Normalität zurückfinden – das ist das, wonach wir uns in dieser Zeit wohl alle sehnen. Es stimmt hoffnungsvoll, dass nun von Wissenschaftlern und Politikern erste Schritte dahingehend angedacht sind. Doch wir werden auch gewarnt: Es wird nicht einfach die Normalität vor der Corona-Krise sein. Nein, denn das Virus ist nicht aus der Welt. Die Gefahr ist groß, dass es sich, wenn manches gelockert und geöffnet wird, wieder schnell verbreitet. Wir müssen lernen mit dem Virus zu leben.

Die Aussicht ist ernüchternd – aber auch ohne Corona kann die Normalität ernüchternd sein, selbst wenn man sich sehr danach gesehnt hat. Normalität ist ja nicht gleich bedeutend mit unbeschwertem Leben, mit schönen und glücklichen Stunden, sondern zur Normalität gehört auch das, was unseren Alltag trostlos machen kann: Termindruck, finanzielle Sorgen, ungelöste Konflikte, Krankheit, Gebrechen, die immer gleiche Arbeit, Einsamkeit, Müdigkeit und Resignation – und das mit oder ohne Corona.

Das erleben nun auch die Jünger am See Gennesaret. Sie erleben die Nacht ihres Alltags. Sie steigen in das Boot und fahren auf den See hinaus, aber in der ganzen Nacht fangen sie nichts.

Doch dann spüren die Jünger: Etwas ist anders geworden: Der Morgen kommt, die Sonne geht auf und plötzlich steht Jesus am Ufer. Licht und Wärme gehen aus von seiner Gestalt, so sehr, dass die Jünger freimütig vor ihm bekennen: Wir stehen nach dieser Nacht mit leeren Händen da. Und dann hören sie seine Aufforderung, seine Ermutigung, jetzt nicht zu resignieren, sondern es noch einmal zu versuchen. Die Jünger hören auf Jesus und merken: Jetzt, da er da ist, er ihnen zuschaut und den besseren Blick hat, gewinnen auch sie wieder eine andere Perspektive. Sie fangen so viele Fische, dass sie die Netze nicht wieder einholen können. Plötzlich ist Leben in Fülle für sie greifbar und spürbar – mitten in der Trostlosigkeit ihres Alltags, mitten in ihrer Arbeit und Mühe. Und diese Erfahrung verändert sie. Sie selbst sind nun anders geworden: eine Ostererfahrung!

Wie können aber wir dahin kommen, andere zu werden? Wie mag es uns gelingen, zuversichtlich wieder in den Alltag zurückkehren, auch wenn dies mit mancher Ernüchterung verbunden sein wird und wir die Folgen der Krise deutlich spüren werden? Das Evangelium gibt uns darauf eine Antwort: Indem wir uns auf Jesus und sein Wort einlassen, ausprobieren, ob es trägt, uns darauf verlassen, dass es trägt.

Denn er ist da. Der Auferstandene steht auch am Ufer unseres Lebens. Und wenn wir auf ihn hören, dann werden wir Spuren des Lebens in unserem Alltag entdecken, wo wir sie nicht vermutet hätten, wo wir mit anderen Augen zu sehen versuchen, wo Rückschläge, Ernüchterung und Resignation uns nicht davon abbringen können, auf das neue Leben zu setzen, das er uns durch seinen Tod und seine Auferstehung geschenkt hat.

Das ist Ostern – und gerade jetzt wird diese Botschaft zur Herausforderung unseres Glaubens, aber auch zum Anker unserer Hoffnung!

Ich wünsche Ihnen den Segen und das Geleit des Auferstandenen an diesem Sonntag und in der neuen Woche.

Es grüßt Sie herzlich

Pfarrer Thomas Müller

Schrifttexte des Sonntags: Apg 2,14.22b-33; Ps 16,1-2.5.7-8.9-10; 1 Petr 1,17-21; Joh 21,1-14