Liebe Mitchristen,

der Vierte Sonntag der Osterzeit wird auch der Gute-Hirte-Sonntag genannt, da in allen drei Lesejahren ein Abschnitt aus der Guten-Hirten-Rede Jesu vorgetragen wird. In diesem Jahr ist es Joh 10,1-10. Jesus bezeichnet sich in dieser Rede selbst als der gute Hirte, der sich in großer Fürsorge und Liebe um seine Schafe sorgt.

Manche tun sich heutzutage schwer mit diesem Bild, weil sie sich nicht mit einem Schaf identifizieren möchten. Schafe werden gerne für dumm gehalten. Und in diesem Sinne hat man dieses Bild auch Jahrhunderte lang ausgelegt. Auf der einen Seite standen die Hirten, die das Sagen hatten, und auf der anderen Seite das Volk, das zu gehorchen hatte. Heutzutage wollen wir eben kein dummes Schaf sein, das von Hirten gesagt bekommt, wo es lang geht.

Doch erleben wir dies in der gegenwärtigen Krise nicht ein wenig anders? Gerade jetzt sind wir doch froh, dass wir Menschen haben, die angesichts der bedrohlichen Situation mit bestem Wissen und Gewissen versuchen, mutige Entscheidungen zu fällen, um uns gut durch diese Zeit zu führen, damit wir möglichst wenig Schaden nehmen. In Umfragen wird zurzeit immer wieder festgestellt, welch großes Vertrauen die Menschen in unserem Land den Regierungspolitikern und anderen Entscheidungsträgern entgegenbringen.

Auch ich bin sehr dankbar, dass wir in unserem Land so besonnene Regierungspolitiker haben und nicht wie Menschen in manch anderen Ländern erleben müssen, dass die Krise von den Regierenden dazu missbraucht wird, die eigene Macht zu stärken bzw. die Demokratie nachhaltig zu schwächen.

Es gibt eben nicht nur gute Hirten auf dieser Welt. Diese bittere Erfahrung machten schon die Menschen in biblischer Zeit. Insbesondere Kapitel 34 des Buches Ezechiel spiegelt die Klagen des Volkes über die schlechten Hirten wider. Gott selbst spricht durch seinen Propheten: „Wehe den Hirten Israels, die nur sich selber weiden. Sie trinken die Milch, sie nehmen die Wolle für ihre Kleidung und schlachten die fetten Tiere; aber sie führen die Herde nicht auf die gute Weide.“ Das ist eine deutliche Anklage gegen die herrschende Oberschicht, die nicht das Wohl des Volkes, sondern ihren eigenen Vorteil gesucht hat. Ezechiel verkündet nun aber die tröstliche Botschaft, dass Gott selbst eingreifen wird: „Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern. Die verlorengegangenen Tiere will ich suchen, die vertriebenen zurückbringen, die verletzten verbinden. Ich will ihr Hirte sein und für sie sorgen, wie es recht ist.“ (Ez 34,11ff.)

Als Christen glauben wir, dass sich diese Verheißung im Guten Hirten Jesus Christus erfüllt hat. Ihm dürfen wir uns ganz und gar anvertrauen, weil er uns in seinem Leben, in all seinen Begegnungen, in seinen Worten und Taten und insbesondere in seinem Leiden, Sterben und Auferstehen gezeigt hat, dass er gekommen ist, damit wir das Leben haben und es in Fülle haben (vgl. Joh 10,10). Ihm dürfen wir folgen - nicht als dumme Schafe, sondern als Schafe, die - wie Jesus selbst sagt - ihm folgen, weil sie seine Stimme kennen, weil sie wissen, dass er es gut mit ihnen meint.

Jesus Christus ist unser aller Guter Hirte. Wer sich als Christ berufen fühlt, in Staat, Gesellschaft oder Kirche ein Hirtenamt zu übernehmen, der sollte sich daher immer bewusst sein, dass er damit im Dienst des guten Hirten Jesus Christus steht, dass er Anteil an seiner Hirtensorge hat und dass er ihm gegenüber Rechenschaft leisten muss. Dieses Bewusstsein bewahrt vor Überheblichkeit und Machtmissbrauch. Es schenkt aber auch Entlastung, denn Jesus verlangt von denen, die ihm als Hirten dienen, nicht mehr, als ihnen möglich ist. Zudem sagt er ihnen wie damals seinen Jüngern zu, dass er sie für ihre Aufgabe durch seinen Geist stärken wird.

Danken wir an diesem Sonntag für den Guten Hirten Jesus Christus, der uns auch durch das finstere Tal der Corona-Krise führen wird. Danken wir aber auch für die Politiker und Entscheidungsträger in diesem Land, dass sie bereit waren und sind, große Verantwortung zu übernehmen. Beten wir darum, dass sie in dieser Krise alles tun, um durch ihr Handeln wie der Gute Hirte Jesus Menschen leben zu helfen und damit letztlich ihre Würde zu schützen.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche mit dem Segen und Geleit des Guten Hirten Jesus Christus

Ihr Pfarrer Thomas Müller

Schrifttexte des Sonntags: Apg 2,14a.36-41; Ps 23,1-6; 1 Petr 2,20b-25; Joh 10,1-10