Liebe Mitchristen,

als Sonntagsevangelium werden wir diesmal einen Ausschnitt aus den Abschiedsreden Jesu hören (Joh 14,1-12). Jesus bereitet darin seine Jünger auf seinen Weggang aus dieser Welt vor. Er tröstet sie, indem er ihnen zusichert: „Ich gehe, um euch einen Platz im Haus meines Vaters vorzubereiten. Dort gibt es viele Wohnungen. Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und hole euch heim zu mir.“

Einen Platz haben, wo man erwartet wird, wo man sein darf, wie man ist, wo man geliebt und angenommen wird, wo man zur Ruhe kommen kann und Frieden findet, wo man Geborgenheit und Sicherheit erfährt und immer wieder Stunden der Freude und des Glücks, dies und noch viel mehr verbinden wir mit unserem Bedürfnis, ein gutes Zuhause zu haben.

Gerade in dieser Zeit ist ja viel vom „Zuhause“ die Rede. Wir sollen – wann immer möglich – zuhause bleiben, um die weitere Ausbreitung des Virus zu stoppen. Wohl dem, der ein gutes Zuhause hat, denn sonst werden die derzeitigen besonderen Umstände zu einer großen Belastungsprobe. Ich denke da beispielsweise an diejenigen, die gar kein Zuhause haben, sondern auf der Straße leben. Sie sind vielem schutzlos ausgeliefert, zumal zahlreiche Betreuungseinrichtungen und Versorgungsstellen wegen der Corona-Pandemie geschlossen haben. Oder ich denke an die Flüchtlinge in den Flüchtlingslagern, die weder weiter und noch zurück können und in drangvoller Enge unter miserablen hygienischen Bedingungen leben müssen. Ich denke auch an diejenigen, die alleine leben und sehr einsam sind, weil ihre derzeitigen Kontaktmöglichkeiten sehr eingeschränkt sind. Ich denke an die Menschen in den Pflegeheimen, die es teilweise gar nicht verstehen, warum die Angehörigen nun nicht mehr zu Besuch kommen und sehr darunter leiden. Ich denke auch an die Familien, deren Zusammenleben schon bisher von Konflikten geprägt war und die nun in dieser Ausnahmesituation noch mehr Stress und Auseinandersetzungen erleben. Ein starker Anstieg der innerfamiliären häuslichen Gewalt sei leider zu erwarten, so sagen Experten, da nun auch Flucht- und Hilfemöglichkeiten fehlten.

Aber selbst wenn wir ein gutes Zuhause haben sollten, wächst in uns doch die Sorge, ob wir unser Leben, in das wir uns bisher so gut eingerichtet haben, in dieser Weise weiterführen können. Manches ist unsicher geworden.

Das erleben nun auch die Jünger. Sie sind zwar damals, als Jesus sie rief, aus ihrem Zuhause aufgebrochen und haben vieles verlassen. Die tiefe Gemeinschaft mit Jesus und untereinander hat ihnen aber ein neues Zuhause geschenkt, welches von der großen Zuversicht geprägt war, mit Jesus in eine neue heilvolle Zeit zu gehen. Doch nun schien dies alles wegzubrechen. Jesus, der die Mitte ihrer Gemeinschaft ist, werde sie verlassen, so hören sie. Würde damit auch ihr neues Zuhause zerstört werden, würden sie bald unbehaust sein? Das werde nicht so sein, versichert ihnen Jesus. Aber sie verstehen nicht genau, was er ihnen sagen möchte. Erst später werden sie begreifen, dass Jesus das, was er mit ihnen begonnen hat, in einer anderen Weise weiterführen wird. Sie werden erfahren, was es heißt, dass er selbst der Weg und die Tür zu ihrem Zuhause im Himmel ist, zu unserer „eigentlichen Heimat“, wie der Apostel Paulus dies nennt.

Also doch erst ein Zuhause im Jenseits? Nein, denn Gott ist in Jesus auf diese Welt gekommen, um uns schon jetzt ein Daheim zu bereiten. Er ist gekommen, damit wir in seiner Gegenwart den Ort finden, wo wir ganz und gar wir selbst sein dürfen und so erleben können, dort wirklich zuhause zu sein. Wer Jesus folgt, der soll erfahren: Er ist in der Treue und Liebe Gottes geborgen. Er ist nie mehr allein. „In diesem Leben ist Gott bei uns und im kommenden sind wir bei ihm“, so hat einmal jemand gesagt. In Gott selbst sind und bleiben wir zuhause, auch wenn wir die Unvollkommenheit, Zerbrechlichkeit und Vorläufigkeit unserer irdischen Behausungen immer wieder schmerzlich erleben.

Möge die Erfahrung des Zuhauseseins in Gott allen Kraft geben, die sich jetzt ein gutes Zuhause so sehr wünschen oder Angst haben, dieses zu verlieren. Und mögen wir als Boten Gottes in dieser Welt alles dafür tun, um mit seiner Hilfe einander ein gutes Zuhause zu bereiten – gerade in dieser schwierigen Zeit.

Seien Sie von Gott behütet und begleitet!

Einen gesegneten Sonntag und eine gute neue Woche wünscht Ihnen von Herzen

Ihr Pfarrer Thomas Müller

Schrifttexte des Sonntags: Apg 6,1-7; Ps 33,1-2.4-5.18-19; 1 Petr 2,4-9; Joh 14,1-12

Liebe Mitchristen,

der Vierte Sonntag der Osterzeit wird auch der Gute-Hirte-Sonntag genannt, da in allen drei Lesejahren ein Abschnitt aus der Guten-Hirten-Rede Jesu vorgetragen wird. In diesem Jahr ist es Joh 10,1-10. Jesus bezeichnet sich in dieser Rede selbst als der gute Hirte, der sich in großer Fürsorge und Liebe um seine Schafe sorgt.

Manche tun sich heutzutage schwer mit diesem Bild, weil sie sich nicht mit einem Schaf identifizieren möchten. Schafe werden gerne für dumm gehalten. Und in diesem Sinne hat man dieses Bild auch Jahrhunderte lang ausgelegt. Auf der einen Seite standen die Hirten, die das Sagen hatten, und auf der anderen Seite das Volk, das zu gehorchen hatte. Heutzutage wollen wir eben kein dummes Schaf sein, das von Hirten gesagt bekommt, wo es lang geht.

Doch erleben wir dies in der gegenwärtigen Krise nicht ein wenig anders? Gerade jetzt sind wir doch froh, dass wir Menschen haben, die angesichts der bedrohlichen Situation mit bestem Wissen und Gewissen versuchen, mutige Entscheidungen zu fällen, um uns gut durch diese Zeit zu führen, damit wir möglichst wenig Schaden nehmen. In Umfragen wird zurzeit immer wieder festgestellt, welch großes Vertrauen die Menschen in unserem Land den Regierungspolitikern und anderen Entscheidungsträgern entgegenbringen.

Liebe Mitchristen,

einige Jünger sind von Jerusalem zurückgekehrt an den See Gennesaret. Davon werden wir im Evangelium dieses Sonntags hören (Joh 21,1-14). Sie tun das, was sie gemacht hatten, bevor sie Jesus aufgefordert hatte, ihm nachzufolgen: Sie gehen fischen.

Im Evangelium der Osternacht haben wir gehört, dass der Engel am Grab den Frauen den Auftrag gibt, sie sollten den Jüngern ausrichten: „Jesus geht euch voraus nach Galiläa. Dort werdet ihr ihn sehen“. (Mt 28,7). Hier sind sie nun, die Jünger – in Galiläa. Ob sie dem Auftrag des Engels gefolgt sind und nun darauf warten, Jesus zu sehen, oder ob sie einfach deshalb in ihr altes Leben als Fischer zurückgekehrt sind, weil sie nichts Besseres zu tun wussten, weil sie nichts mehr in Jerusalem hielt, nachdem Jesus gestorben war? Oder ob sie zurückgekehrt sind, um wieder auf andere Gedanken zu kommen, um nach all den aufwühlenden Ereignissen wieder ein Stück Normalität in ihrem Leben zu finden? Normalität, die auch helfen könnte, ihre Trauer zu überwinden in der Hoffnung, dass die Zeit Wunden heilt.

Zur Normalität zurückfinden – das ist das, wonach wir uns in dieser Zeit wohl alle sehnen. Es stimmt hoffnungsvoll, dass nun von Wissenschaftlern und Politikern erste Schritte dahingehend angedacht sind. Doch wir werden auch gewarnt: Es wird nicht einfach die Normalität vor der Corona-Krise sein. Nein, denn das Virus ist nicht aus der Welt. Die Gefahr ist groß, dass es sich, wenn manches gelockert und geöffnet wird, wieder schnell verbreitet. Wir müssen lernen mit dem Virus zu leben.

Liebe Mitchristen,

das Evangelium des heutigen Sonntags (Joh 20,19-31) erzählt davon, dass die Jünger aus Furcht bei verschlossenen Türen beisammen waren.

Verschlossene Türen – das ist geradezu ein Sinnbild für die Zeit, die wir gerade erleben. Wir sollen Abstand halten, uns zurückziehen, zuhause bleiben, damit die Ansteckungsrate durch das Corona-Virus verringert wird. So werden die verschlossenen Türen zum Zeichen der Verantwortung füreinander.

Aber es ist eben auch die Angst da. Angst vor dem anderen Menschen, denn er könnte ja das Virus in sich tragen. So scheinen die Leute, denen man im Supermarkt oder auf der Straße begegnet, derzeit unsichtbare Mauern um sich zu tragen, auf denen aber deutlich erkennbar geschrieben steht: „Komm mir bloß nicht zu nahe!“

Im Evangelium überwindet einer die verschlossenen Türen. Es ist Jesus, der Auferstandene. Er kommt in die Mitte der Jünger und sagt zu ihnen: Friede sei mit euch! Doch nicht nur das: Er haucht sie an und spricht zu ihnen: Empfangt den Heiligen Geist!

Er tut also das, was bei den derzeitigen Sicherheitsvorkehrungen und Hygienevorschriften der Supergau wäre: Er haucht sie an, er lässt sie seinen Atem spüren.

Liebe Mitchristen,

zum ersten Mal seit Menschengedenken werden Christen in vielen Teilen der Welt das Osterfest nicht in freudig versammelter Gemeinschaft feiern. Auch bei uns wird es keine gemeinsame Osternachtfeier geben. Mir bleibt nichts anderes übrig, als das Exsultet in einer leeren Kirche zu singen und ebenso das Halleluja und das Osterevangelium. Diese Ausnahmesituation ist zutiefst traurig und schmerzhaft. Kann da überhaupt eine Osterfreude aufkommen?

Ich muss in diesen Tagen an die Menschen denken, denen es bereits an vergangenen Osterfesten ähnlich ging, weil sie ein schlimmes Schicksal ereilt hatte und ihr persönlicher Karfreitag an Ostern leider nicht überwunden war. Wie müssen sie sich gefühlt haben, wenn die Gemeinde frohen Herzens das Halleluja sang und für sie selbst die Osterfreude so fern lag? Oder ich denke an Menschen, die das ganze Jahr über in Krieg, Elend und Not leben. Konnten und können sie dennoch Ostern feiern?

Jetzt sind wir selbst in einer verstörenden und beängstigenden Situation. Kann für uns dennoch Ostern werden?

Liebe Mitchristen,

es wird ein sonderbarer Palmsonntag sein in diesem Jahr. Keine Kinderschar, die beim Familiengottesdienst mit ihren bunt geschmückten Palmsträußen vor der Kirche steht, um mit fröhlichen Gesängen Jesus zuzujubeln, so wie es damals viele Menschen getan haben, als Jesus auf einem Esel in Jerusalem einzog. „Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn, Hosanna in der Höhe!“, so riefen sie ihm voll Freude zu.

Doch dies ist nur der erste Teil der Palmsonntagsliturgie. Auf einmal ist alles anders. Das Blatt wendet sich. Der Hosannajubel verstummt. Und wir hören in der Matthäuspassion, wie Jesus bald die ganze Menge gegen sich hat und den Weg der Demütigung und des qualvollen Leidens gehen muss bis zu seinem Tod am Kreuz. Das, was Jesus bereits geahnt hatte und was seine Jünger so gerne verhindert hätten, tritt schmerzlich ein.

Auf einmal ist alles anders. Hätten wir uns noch vor wenigen Wochen vorstellen können, dass ein kleines unsichtbares Virus unser Leben grundlegend verändert? Wir hörten zwar davon, was in China geschehen war – aber das war doch so weit weg von uns. Es wird uns schon nicht treffen, so dachten die meisten. Und als die Lage hier bereits ernster wurde, verdrängten dies immer noch viele und versuchten ihr Leben genauso weiterzuleben wie zuvor. Denn konnte es wirklich möglich sein, dass wir auf einmal nicht mehr das tun dürfen, was wir wollen? Konnte es möglich sein, dass es auf einmal nicht mehr so weitergeht wie bisher? So etwas kannten wir nicht - lediglich die Älteren kennen noch Zeiten der kollektiven Angst, des Hungers und der Entbehrung.

Liebe Mitchristen,

für den kommenden Sonntag, den 5. Fastensonntag, ist als Evangelium die Geschichte von Lazarus vorgesehen, der an einer schweren Krankheit gestorben ist. Jesus kommt zu spät. Marta und Maria, die beiden Schwestern des Lazarus, haben sich bereits mit dem Tod ihres Bruders abgefunden, die Nachbarn klagen und weinen. Auch Jesus rührt diese Situation zutiefst an. Auch er vergießt Tränen, aber er bleibt nicht beim Weinen stehen. Obwohl alles so aussichtslos erscheint, handelt er und führt Lazarus zurück ins Leben. So erfährt Lazarus leibhaftig, was sein Name - hebräisch Eleazar - bedeutet: Gott hilft.

Gott hilft. Gott führt zurück ins Leben. In der Geschichte von Lazarus leuchtet bereits das Geheimnis von Ostern auf, das wir in zwei Wochen feiern werden.

In dieser Zeit, die von großer Unsicherheit, von Ängsten und Sorgen geprägt ist, weil wir einen Ausnahmezustand erleben, von dem wir nicht genau wissen, wie lange er andauern wird und welche Folgen er haben wird, ist es wichtig an die Hoffnung erinnert zu werden, die uns Christen geschenkt ist: Gott hilft, Gott steht an unserer Seite, er lässt uns nicht allein. Und er führt zurück ins Leben! Es ist diese Hoffnung, die uns als Christen auch handeln lässt.